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Türkischer Rechtsextremismus Was hinter der »Wolfsgruß«-Geste steckt

Die Türkei zieht in das EM-Viertelfinale ein – und der Spieler Merih Demiral hebt seine Hand zum »Wolfsgruß«. Hinter der Geste steckt ein nationalistischer Mythos. Auch in Deutschland gibt es viele Anhänger.
Der nationalistische Wolfsgruß: Erkennungszeichen der rechtsextremen und antisemitischen »Ülkücü«-Szene

Der nationalistische Wolfsgruß: Erkennungszeichen der rechtsextremen und antisemitischen »Ülkücü«-Szene

Foto: Peter Kneffel / dpa

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Zeigefinger und kleiner Finger wie Ohren aufgestellt, die anderen Finger auf den Daumen gepresst: Es sieht aus wie ein »Schweigefuchs«, ist aber auch ein Symbol türkischer Rechtsextremer. Beim Achtelfinalspiel der Fußball-EM der Männer hat der türkische Nationalspieler Merih Demiral genau diese Geste nach seinem zweiten Treffer gezeigt, beide Händen hielt er in die Höhe gereckt.

Das Handzeichen wird »Wolfsgruß« genannt und ist ein Erkennungssymbol der »Grauen Wölfe«. Mit dem Symbol geht eine faschistische und antisemitische Ideologie einher.

Die »Grauen Wölfe« (auf Türkisch »Bozkurtlar«) sind eine umgangssprachliche Bezeichnung für die türkische »Ülkücü«-Bewegung. Das Wort bedeutet »Idealist« und steht für eine rechtsextreme, antisemitische und rassistische Bewegung.

Die Ideologie der »Ülkücü«-Szene entstand Mitte des 20. Jahrhunderts in der Türkei und träumt seither von der einstigen Größe des ehemaligen Osmanischen Reichs. Die Anhängerschaft will ein großtürkisches Reich vom Balkan bis nach China, das alle Turkvölker umfassen soll, erklärt der Bundesverfassungsschutz .

Hass auf die »Feinde des Türkentums«

In Deutschland rechnet die Sicherheitsbehörde der Szene etwa 12.100 Anhänger zu. Sie sind in drei Verbänden organisiert. Weitere knapp 2000 Anhänger, vor allem jüngere Männer, seien Teil einer unorganisierten Szene. Diese ist im Netz besonders aktiv und schürt dort Hass gegen die »Feinde des Türkentums«.

Am Rande sind die »Grauen Wölfe« lose mit islamistischen Strömungen verbunden, vor allem aber eint sie ein rassistischer und antisemitischer Nationalismus. Das Türkentum wird dabei als höherwertiger und überlegener gesehen, vor allem Armenier, Griechen, Kurden wie auch das Judentum werden gezielt herabgewürdigt. Vordenker der Bewegung wie der Antisemit Nihâl Atsız nannte die Juden »Feinde aller Völker«.

Die nun von Demiral gezeigte Fingergeste ist verschiedenen türkischen Gründungsmythologien entlehnt. Als Abstammungs- und Machtsymbol habe der Wolf »für türkische Rechtsextremisten eine herausragende Bedeutung und wird oft symbolhaft dargestellt«, heißt es auf der Website des Bundesverfassungsschutzes. So gibt es den Ergenekon-Mythos, bei dem ein Wolf die von äußeren Feinden bedrängten Vorfahren des türkischen Volkes aus ihrem Zufluchtsort im Tal Ergenekon herausgeführt habe. Eine andere Legende ist der Asena-Mythos, in welchem der Stammvater der Gök-Türken von der Wölfin Asena gerettet wird.

»Wolfsgruß« als ideales Erkennungszeichen

Für die »Ülkücü«-Bewegung machen solche Mythen den »Wolfsgruß« zum idealen Erkennungszeichen. Die Geste wird als Symbol der Zugehörigkeit gezeigt oder um politische Gegner öffentlich zu provozieren: Aber: Laut Verfassungsschutz kann ein Zeigen des »Wolfsgrußes« zwar ein Bekenntnis zur »Ülkücü«-Ideologie sein, es muss aber »nicht jeder Verwender dieses Grußes ein türkischer Rechtsextremist sein«.

In der Türkei sind die Rechtsextremen längst etabliert. Seit 2018 regiert ihr politischer Arm, die Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), offiziell an der Seite von Recep Tayyip Erdoğans AKP. Jahrelang hat Erdoğan die Truppe zunächst bekämpft, dann ging er mangels Alternativen eine Koalition mit ihr ein. Den Rechtsextremen schadet das Bündnis nicht, seit Jahren erreichen sie mehr als zehn Prozent der Stimmen bei den türkischen Parlamentswahlen.